Willkommen 2020!

Ich hoffe, ihr alle hattet einen guten Start ins neue Jahr – wie auch immer dieses „Gut“ für euch im einzelnen aussehen mag. Manche mögen große laute Partys, andere gemütliches Essen und Beisammensein mit Freunden, wieder andere begehen den Jahreswechsel gern allein, in Stille, mit einem guten Buch oder gar meditierend – alles ist gut, so lange es nährend und authentisch ist.

Für mich bedeutet Silvester seit ein paar Jahren intensive Praxis, auch wenn mir das anfangs gar nicht so bewusst war. Jahr für Jahr sehe ich die blanke Panik meiner Katzen, wenn um sie herum die Welt in Flammen, Getöse und Rauch aufgeht. Ich kann nicht viel für sie tun, außer alles möglichst abzudunkeln, ihnen Ecken und Höhlen zum Verstecken zu bieten und da zu sein, falls sie Nähe suchen.

Einerseits sehe ich das Leid der beiden Fellknäuel hier bei mir, ihre unterschiedlich stark ausgeprägte Angst und ihre verschiedenen Arten, damit umzugehen. Wirklich hinzusehen und die Individualität aller Wesen darin zu erkennen, bietet mir die Gelegenheit, mit Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit und Wut in Berührung zu kommen – aber auch mit Liebe, Mitgefühl, Vertrauen und Hoffnung.

In den ersten Jahren haben die eher zerstörerischen Emotionen in mir überwogen, ich wollte den Menschen ihre Böller am liebsten um die Ohren werfen, sodass sie selbst Angst und Schrecken erleben. Ich habe mich vom Mitleid weg reißen lassen.

Jetzt, in der letzten Nacht ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie destruktiv das die ganze Zeit war. Statt da zu sein, eine Art Rettungsanker oder Fels in der Brandung, mit klarem Geist und einem Blick für das, was ich tatsächlich tun kann, habe ich weitere Negativität in die Welt gebracht.

Gestern bin ich mir zum ersten Mal bewusst geworden, was sich da in mir die ganze Zeit abgespielt hat, wie ich in eine Spirale der schmerzhaften Emotionen rein gerutscht bin, ohne es zu sehen, ohne Halten, immer tiefer. Also habe ich mich bemüht, klar zu bleiben, die Wut und das Mitleid wahrzunehmen, aber so wenig wie möglich darauf zuzugreifen. Im Vorfeld hatte ich schon getan, was mir möglich war, den Schrecken für die beiden möglichst klein zu halten. Also blieb mir jetzt nichts anderes, als bei ihnen zu sein und ihnen mit meiner eigenen Ruhe und Gelassenheit Hoffnung zu geben.

Ich denke, für den ersten Anlauf ist das ganz gut gelungen 😄 und sie waren tatsächlich schon ruhiger als im Jahr zuvor. Als es gegen Mitternacht am lautesten wurde, habe ich den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl zum ersten Mal richtig deutlich erlebt. Das eine erzeugt Enge, Blindheit und automatische Handlungen, das andere ist offen, weit, lässt sehen, was zu tun ist. Ich habe eine Weile gechantet, mich mit dem Mitgefühl verbunden, für meine Mädels, für mich und meine eigene Wut, für all die Tiere – und auch Menschen! – da draußen, die in diesem Getöse Angst empfinden und nicht wissen, wohin damit.

Es waren verschiedene Praxiselemente, die mir dieses Mal geholfen haben, nicht den Kopf zu verlieren – Achtsamkeit, Bewusstheit für die Emotionen, die in mir waren, Tonglen zur Kultivierung von Mitgefühl (schön beschrieben von bspw. Pema Chödrön oder Yesche Udo Regel) und Metta, liebende Güte, auch für jene, für die Knaller und Raketen eben zu Silvester dazu gehören.

Die Erfahrungen an diesem Jahreswechsel haben mir mal wieder verdeutlicht, wie wirkungsvoll angewandter Buddhismus sein kann. Es geht nicht „bloß“ um stilles Sitzen auf einem Kissen und verbinden mit sich, um zur Ruhe zu kommen. Es steckt so viel mehr dahinter, was wir Tag für Tag in jeder Situation aktiv in unser Leben holen können, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden. Aber in diesem „bewusst“ liegt der Anfang, das können wir üben.

Wer das zusammen mit einer Gemeinschaft tun möchte, vielleicht ja mit uns, hier in Oggersheim, findet die nächsten Termine dafür im nächsten Blogbeitrag. Da dieser hier viel länger geworden ist als geplant und ich nicht möchte, dass sie in zu viel Text untergehen, poste ich sie separat.

Allen, die sich dafür interessieren, die lieber allein oder in einer anderen Gruppe üben, wünsche ich die Offenheit und die Erfahrungen, die wir manchmal brauchen, um dran zu bleiben. Egal, wo und mit wem ihr übt, macht weiter, glaubt an den Weg, den ihr geht. Und wenn ihr mal eine Durststrecke habt, wenig bis gar nicht praktiziert, fangt einfach wieder an.

Beginne, wo du bist!

An diesem Morgen, an diesem Tag, zu diesem Jahresbeginn – es wird dich bereichern. 🙏🏼🍀🕉

4 Antworten auf „Willkommen 2020!“

  1. Dieses Silvester hab ich in Ruhe verbracht, dann fällt es am meisten auf. Der Krach und die Rauchschwaden, die erst einzeln dahinziehen, bald schon die ganze Stadt einnebeln. Aber auch ein stück Schönheit im Lichterspiel.

    Dieser Abend erinnerte mich an ein Abend, meine Eltern zu ein Fest, mein Bruder bei Verwanden zu besuch.
    Als ein Gewitter in meiner Jugend im Tal wütete. 20/30 Blitze in der Minute, in Nah und Fern, ein Krach, beängstigend und schön zugleich.

    Das ganze Jahr über werden Feuerwerke gezündet, kaum einen stört es doch zu Silvester ist es einfach zu viel und zu viel unnötiges / gefährliches was genutzt wird im sinne von größer besser Lauter. So sitze ich im Warmen, mit Blick auf weiße Bäume ? Hat es geschneit? Vielleicht Asche.

    1. Ja, erst in der Ruhe bemerkt man so vieles. Dann ist es besonders wertvoll, wenn man weiß, wie man am besten damit umgehen kann.

      Dein Jugendgewitter klingt wahnsinnig schön, ich liebe Blitze und auch den folgenden Donner, pure, brachiale Naturgewalt.

      Feuerwerke hab ich früher auch geliebt, bevor ich auf ihre Konsequenzen für Natur, Tier und Mensch aufmerksam geworden bin. Die Schönheit eines professionellen Feuerwerks lässt sich noch immer nicht abstreiten, aber in meine Gefühle dazu mischt sich mittlerweile viel „Dunkles“, das sorgsamen Umgang erfordert.
      Es ist einfach zu unnötig, um mich weiterhin wirklich erfreuen zu können.

      Und das Spektakel an Silvester? Ich gebe dir Recht, das steht so sehr im Zeichen des Übermaßes, das die Gesellschaft so fest im Griff hat – geradezu erschreckend.

  2. Dieses Jahr habe ich wieder ein achtsames Silvester im achtsamkeitszentrum in München gemacht und es war wieder herrlich. Wir waren eine harmonische Gruppe von Gleichgesinnten und hatten viele schöne Momente, singen Tiefenentspannung und auch ein leckeres Essen zusammen. jetzt sitze ich gerade am Ammersee und angesichts des lauten Donners, dass sich anhört wie ein Angriff im Krieg, um mich herum spüre ich auch Gefühle der Wut in mir hochkommen. Da tun mir deine Worte über Mitgefühl und liebende Güte sehr gut!

    1. Irgendwann, mein Lieber, feiere ich Silvester mit euch in München. Ohne die Fellnasen hätte ich das wahrscheinlich dieses Jahr schon gemacht, aber ich wollte sie nicht allein lassen.

      Ja, die Praxis war gestern wie Balsam auf der wunden Seele – freut mich, wenn ich das mit anderen teilen darf!

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